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Hundeschule Kaiser
Therapie + Ausbildung + Training

Der Hund an der Leine
oder vom höflichen Umgang unter Menschen mit Hunden

An der Leine ist der tägliche Spaziergang für viele Hunde nervenaufreibender, als dies ihren Zweibeinern bewusst ist. Gerade Ersthundebesitzer denken häufig, dass Hunde immer und überall Kontakt zu anderen Hunden haben wollen. Oft hören wir "Mein Hund braucht doch Sozialkontakte". Dieser Gedanke ist auf den ersten Blick verständlich und gut gemeint. Doch dem ist nicht immer so...

Die Hundedichte in Berlin ist beträchtlich. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste täglich zu etwa 15 fremden Leuten Kontakt aufnehmen, obwohl ich einfach nur in Ruhe von A nach B laufen möchte - also jedes Mal schwatzen, betatschen lassen und dann weiter gehen. 15 Mal! Mich schüttelt es schon beim bloßen Gedanken daran. Dieses Maß an erzwungenen Sozialkontakten, würde bei mir persönlich riesigen Stress auslösen. Auch unsere vierbeinigen Begleiter sind in ihren Bedürfnissen und Persönlichkeiten sehr verschieden.

Eventuell ist der mir entgegen kommende Hund ein Rüde, welcher grundsätzlich nicht besonders gut auf Geschlechtsgenossen zu sprechen ist. Nun trifft dieser innerhalb seiner eigenen Reviergrenzen auf einen Eindringling und potentiellen Konkurrenten. "Schon wieder so Einer. Wie kommen die Zweibeiner nur auf die paradoxe Idee, dass ich mit diesem Störfaktor freundlichen Kontakt möchte und das auch noch an der Leine? Er und all die anderen Kerle, die sich ungefragt in meinem Territorium aufhalten, werden niemals meine Freunde."

Oder uns begegnet eine Hündin, die andere Hunde duldet, jedoch nur, wenn diese sich außerhalb ihrer persönlichen Individualdistanz befinden. Ob die Individualdistanz nun 50 cm oder 5 m umfasst, entscheidet der Hund, nicht der Mensch.

Möglicherweise begegnet mir ein kleiner Hund, welcher schon des Öfteren von größeren Hunden sehr biestig und heftig an der Leine überfallen wurde - mit Anpirschen, Fixieren, Verunsichern und Losspringen. Am liebsten würde er fliehen, doch weg kann er nicht, das weiß er. Sich auf seinen Menschen verlassen, dass dieser solche Situationen regelt und ihm die unhöflichen Hunde vom Leib hält, kann er sich leider ebenfalls nicht. Auch das hat er gelernt.

Vielleicht treffe ich einen der zahlreichen ausländischen Tierschutzhunde in Berlin. Manche haben schlechte oder viel zu wenig Erfahrungen mit anderen Hunden gemacht. Einige sind extrem unsicher bis verängstigt von den unzähligen neuen Reizen - Menschen, Fahrradfahrer, rennende Kinder, Geschrei, Autos, Straßenbahn, Baustellen usw. Die wenigsten wollen dann Kontakt mit ihnen fremden Hunden, schon gar nicht an der Leine - also ohne Fluchtmöglichkeit.

Welpen haben es bisweilen ebenfalls schwer. Glücklicherweise wissen heute viele Menschen, dass es keinen Welpenschutz gibt. Bei ihren eigenen Welpen sind sie da meist vorsichtig. Doch viele Welpen sind mit den mitunter zahlreichen Hunde- und Menschenkontakten schlicht überfordert. Die meisten Welpen müssen sich erst mal an diese Welt, die Stadt und natürlich die Leine gewöhnen. Auch haben sie noch nicht gelernt, sich gegenüber aufdringlichen Hunden und Menschen zu behaupten. Gerade an der Leine ist dies sehr schwierig, ohne die Möglichkeit auszuweichen oder sich zurückzuziehen. Stress pur für die kleinen Wesen. Hilfreicher und entspannter ist der Besuch einer gut geführten Welpenschule mit kontrollierten Spielphasen. Da können sich die "Kleinen" ohne Leine austoben und kennen lernen.

Auch Hunde mit Schmerzen, welche krank sind, Gelenkprobleme haben oder nach einer OP, mögen meist keine Hundekontakte - aufdringliche schon gar nicht. Für sie ist jeder unfreiwillige Kontakt zu anderen Hunden eine mögliche Quelle für Schmerz.

Ebenfalls könnte mir eine läufige Hündin mit ihren Zweibeinern begegnen. Diese möchten auch irgendwo in der Stadt angeleint spazieren gehen - ohne Übergriffe von aufdringlichen Rüden mit verständnislosen Besitzern.

Ebenso besteht die Möglichkeit, dass das andere Hund-Mensch-Team gerade trainiert und dabei nicht gestört werden möchte.

Selbst, wenn ich einem anderen Hunden positiv eingestellten Hund begegne, wer garantiert mir, dass dieser gesund ist? Keine übertragbaren Krankheiten (Husten, Magen-Darm, ...) hat oder gar Flöhe? Wer ist schon gern Stammgast beim Tierarzt? ;-) Im Vorfeld der Begegnung höfliches Fragen, ist da oft hilfreich. ;-)

Kurzum, es gibt viele Varianten, weshalb ein Kontakt von Hunden an der Leine eine schlechte Idee ist. Von der Möglichkeit des Verhakens der Geschirre und/oder Leinen mal ganz abgesehen. Irgendwann fangen viele Hunde an, sich selbst zu helfen. Es tut ja sonst keiner. Die sogenannte "Leinenaggression" ist demzufolge oft ein hausgemachtes Problem.

Natürlich gibt es auch den Typ Hund, welcher Hundekontakte liebt und davon nie genug bekommen kann. Problematisch wird es für diesen Typ Hund, wenn er bei Hundebegegnungen negative Erfahrungen macht. Dann ist er in Zukunft möglicherweise nicht mehr so freundlich zu Artgenossen. Glücklicherweise gibt es auch etliche selbstsichere Hunde, welche mit engen Leinenkontakten mit fremden Hunden gut umgehen können. Doch ebenso wie bei uns Zweibeinern, mögen nicht alle Hunde ihre Artgenossen oder sind souveräne Persönlichkeiten.

Mehr Rücksichtnahme bei Hundebegegnungen würde das Zusammenleben deutlich vereinfachen und vor allem entspannen. Bevor man seinen Vierbeiner unüberlegt an Artgenossen lässt, sollte man vorher für sich überlegen, warum dieser andere Hund an der Leine geführt wird. Vielleicht trifft ja einer der oben genannten Punkte zu? Im Zweifelsfall bringt eine höfliche Frage an den anderen Zweibeiner im Vorfeld Klarheit. Vielleicht kann man sich ja, wenn sich Zwei- und Vierbeiner sympathisch sind, auf einer Hundewiese zum Kontakt ohne Leine verabreden? Dort haben die Hunde die Möglichkeit richtig miteinander zu "reden".

Für etliche Hundehalter ist der tägliche Gassigang mit ihrem Vierbeiner ein Spießrutenlauf. Manch Einer geht nur noch nachts raus.... Wie viel einfacher wäre es für uns alle, wenn wir uns auch unter Hundemenschen höflich verhalten. Wenn wir wieder anfangen im Vorfeld einer Begegnung zu fragen und uns gegenseitig darüber aufklären, dass der Kontakt an der Leine für Hunde großer Stress sein kann. Dann besteht die Chance vielen Vier- und Zweibeinern ihren Dauerstress zu nehmen. Danke.